Euer Kind sagt ständig NEIN? So könnt ihr damit umgehen
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Euer Kind sagt ständig NEIN? So könnt ihr damit umgehen

Wer oft NEIN sagt, fühlt sich häufig unsicher und sehnt sich nach Kontrolle, den eigenen Willen durchsetzen. Kleine Kinder müssen erst lernen, mit ihrem eigenen Willen umzugehen – so können wir ihnen dabei helfen.

Aus dem Leben gegriffen:
Es war wieder so ein Tag. Unsere 4jährige Tochter raubte uns den letzten Nerv, weil ihr nichts passte. Nein, nicht das lila Kleid, nein, nicht diese Strumpfhose, außerdem möchte sie heute keine Kuhmilch, sondern Hafermilch über ihre Cornflakes und überhaupt ist das der falsche Löffel und – wie kann ich mir nur erlauben, die Cornflakes VOR der Milch in die Schüssel zu leeren????
Es folgte ein emotionaler Ausbruch unsererseits, dass es so nervig ist, wenn sie ständig Nein sagt und ihr nichts passt. Und dass wir das nicht mehr aushalten. Und dass sie gefälligst mal mit etwas zufrieden sein soll.
Ein paar Stunden später sitzen wir beim Mittagessen. Sie möchte ein Brot mit Käse essen. Sie beobachtet, wie Papa das Brot schmiert und Käse darauf legt, nimmt einen Bissen, verzieht das Gesicht und fängt an, verzweifelt zu weinen. Nachdem sie sich beruhigt hat, konnte sie uns erzählen warum: Sie traute sich nicht, uns zu sagen, dass Papa den falschen Käse auflegt, von dem weiß sie nämlich, dass er ihr nicht schmeckt….

Dies war für uns wieder der Beweis: Nein sagen ist auch richtig und wichtig! Noch ist es nur der falsche Käse, aber was passiert in heikleren Situationen, in denen sich unsere Tochter nicht selbstbewusst NEIN sagen traut wenn ihr etwas gegen den Strich geht?

Was uns weiterführt zu der Frage: Warum empfinden wir das NEIN unserer Kinder so schlimm?

Warum empfinden wir das NEIN unserer Kinder so schlimm?

Der eigene Wille unterscheidet den Menschen vom Tier. Wir können unsere Entscheidungen bewusst so ausrichten, dass es uns gut geht, dass wir gute Gefühle haben (mit Denken hat das eher wenig zu tun). Und dass es anderen gut geht (das nennt man dann Moral). Dies zu lernen ist nicht einfach und erfordert jahrelange, wenn nicht sogar jahrzehntelange Übung und Erfahrung. So mancher Erwachsener weiß noch nicht, was ihm gut tut und trifft deshalb die falschen Entscheidungen.

Mit rund 2 Jahren beginnt diese Reise zum eigenen Willen gerade erst. In der Autonomiephase wollen Kinder oft zwei Dinge gleichzeitig oder alle paar Sekunden etwas anderes. Und dies wird heftig eingefordert. Nach dem Motto „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“ sind wir als Eltern dann sehr oft überfordert, mit diesen teils unerfüllbaren Forderungen und den auf dem Fuß folgenden Emotionsvulkanen umzugehen, da auch die Gefühlsregulation erst gelernt werden muss. Und das ist einfach MEGA ANSTRENGEND!

Dabei kann das NEIN unseres Kindes eine sehr wertvolle Rückmeldung über (unerfüllte) Bedürfnisse sein. Über das Vertrauen zu dem, der etwas von ihm will. Ob seine Krafttanks gerade gefüllt sind. Oder einfach nur über den momentanen Grad von Hunger oder Müdigkeit. Dies hat alles sehr viel mit Gefühl zu tun. Deshalb nützt bei einem 2jährigen reden, erklären und verhandeln noch nicht sehr viel. Die Argumentationen kommen dann erst später.

Warum sagen Kinder NEIN?

Weil Kinder Autonomie brauchen

Im berühmten Alter von etwa 2 Jahren erfahren Kinder, dass sie auch NEIN sagen können. Und probieren das so oft aus, dass es den Erwachsenen schon mal den letzten Nerv rauben kann (siehe Beispiel weiter oben und es gibt noch hunderte andere). In diesem Alter (der früher Trotzphase genannten Autonomiephase) beginnen sie, ihre eigene Identität zu entwickeln und entdecken dabei ihre Autonomie – also selbstbestimmt tun zu können, was sie möchten. Durch das Ausdrücken von „Nein“ können Kinder Grenzen testen, ihre Meinungen und Vorlieben ausdrücken und ihre Unabhängigkeit demonstrieren.

Bedenkt man es genau, ist es völlig selbstverständlich! Wer möchte sich schon gerne vorschreiben lassen, was er essen oder anziehen soll, dass er abends im Bett bleiben muss oder was mit seinem Körper geschieht (Zähne putzen, Haare waschen, wickeln, etc.)? Später geht es um Dinge wie Hausaufgaben, Zimmer aufräumen, zum Abendessen zuhause sein, und so weiter.

Wie sagte unsere Tochter einmal so schön? „Ich will keine Regeln mehr!“

Das NEIN sagen in der Autonomiephase ist bereits die erste Vorstufe im Loslösungsprozess zum Erwachsenwerden. Unsere Kinder lernen schon sehr früh, selbstständig für sich zu sorgen, die eigenen Bedürfnisse kennenzulernen und für sich selbst Entscheidungen zu treffen. Ob diese im Endeffekt zum Erfolg führen, muss es erst herausfinden – wie so oft durch Ausprobieren und Üben.

Wenn Kinder unter Druck stehen

Je dringender Kinder gehorchen sollen, desto weniger tun sie es. Ist man spät dran, ziehen sie sich NOCH langsamer an oder laufen erst recht wieder davon. Dass Druck Gegendruck erzeugt, haben wir bereits in unseren Tipps, wie man mit Kindern pünktlich außer Haus kommt beschrieben. Druck hilft nie und Zeitdruck ist im Alltag mit Kindern echt der Erzfeind!

Aber auch wenn es um „wirklich wichtige“ Dinge wie Medikamente schlucken oder Zähne putzen geht, stellen sie sich oft furchtbar quer. Dann heißt es für die Eltern starke Nerven und Durchhaltevermögen zu zeigen bzw. vorher abzuwägen, ob das nun tatsächlich sein muss.

Denn Situationen, in denen wir unsere Kinder unter Druck setzen, sollten wir soweit wie möglich vermeiden (eines der vielen Dinge, die zur unbeabsichtigten Gewalt an Kindern zählen). Je öfter ein Kind über sich selbst bestimmen kann, desto eher ist es zu Kooperation bereit, wenn wir sie von ihm verlangen.

Ansonsten regt sich (in uns allen übrigens) ein instinktiver Widerstand gegen die Kontrolle von außen, denn niemand lässt sich gerne ständig herumkommandieren. Schon am Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieb der österreichische Psychoanalytiker Otto Rank dieses Phänomen als „Gegenwille“.

Wie Kinder mit Druck umgehen, hängt übrigens stark von ihrer Persönlichkeit ab. Manche knicken ein und geben nach (was oft fälschlicherweise von den Erwachsenen als Erfolgserlebnis gewertet wird), andere bauen Gegendruck auf und explodieren in Tobsuchtsanfällen, und wieder andere richten ihre Wut gegen (meist schwächere) Dritte und ärgern das kleine Geschwisterchen oder den Hund.

Fest steht: Unter zu viel Druck kann nicht einmal die stärkste Knospe erblühen!

Weil es biologisch veranlagt ist

Menschen, und vor allem kleine Menschen, sind Anweisungen von Fremden gegenüber von Natur aus skeptisch. Sie machen glücklicherweise instinktiv nicht einfach, was sie sagen. Sonst würden sie am Schulweg ganz einfach mit wildfremden Personen mitgehen.

Wenn wir aber jemanden gern haben und uns mit ihm verbunden fühlen, ist die Bereitschaft größer, dessen Wünschen Folge zu leisten. Wir tun dann eher, was von uns verlangt wird, weil wir den Erwartungen dieser Person entsprechen wollen. Kinder lieben ihre Eltern bedingungslos und sind auch umgekehrt in vieler Hinsicht abhängig davon, von ihnen geliebt und damit umsorgt und beschützt zu werden.

Deshalb sind sie von Natur aus danach bestrebt, mit ihren Bezugspersonen zu kooperieren und damit die Bindung noch weiter zu intensivieren.

Wenn Bindungslücken vorhanden sind

In herausfordernden Situationen allerdings (Geburt eines Geschwister-Kindes, Kindergarten-Eingewöhnung, Schulstart, Trennung der Eltern) kann diese Eltern-Kind-Bindung beeinträchtigt sein und aus der Erwartungshaltung wird unerträglicher Zwang, der ein NEIN unausweichlich macht.

Auch drastische Probleme der Erwachsenen können die Bindung schwächen. Hand in Hand mit schwierigen Umständen gehen Symptome wie mangelnde körperliche Nähe, fehlende Zuwendung, sowie weniger Geduld und Feinfühligkeit, weil die Gedanken woanders sind. Das Kind reagiert darauf weiterhin mit „störrischem“ Verhalten, was die Beziehung noch weiter belastet.

Häuft sich also der kindliche Gegenwille, kann ein Blick auf mögliche Bindungsschwächen Gold wert sein!

Wenn sich Kinder unsicher oder überfordert fühlen

Mit fehlender Bindung geht auch Unsicherheit oder Überforderung einher. Das Kind weiß nicht, wie es sich verhalten soll, um die Zuwendung und Aufmerksamkeit zu erhalten, die es braucht. Dies führt zu permanenter innerer Unruhe und dem ständigen Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit. In diesem Zustand zu tun, was andere von einem verlangen, grenzt an Resignation.

Wie schnell Kinder überfordert sind, hängt selbstverständlich auch sehr vom Kind ab. Große Menschenmengen, eine neue Klassengemeinschaft oder Kindergarten-Gruppe, zu laute Geräusche oder generell zu viele Reize auf einmal können Kinder stark verunsichern. Dieser Stress triggert instinktiv den Überlebensmodus: Kampf, Flucht oder Starre. Mit ihrem NEIN versuchen sie, die Kontrolle wieder zu erlangen. Bye bye Kooperationsbereitschaft!

Was also tun, wenn Kinder ständig NEIN sagen?

Soviel zur Theorie, aber wie sollen wir uns nun wirklich verhalten, wenn uns der Gegenwille unserer Sprösslinge halb in den Wahnsinn treibt?

Ursachen finden

Warum sagt das Kind so vehement NEIN? Sucht es Autonomie? Ist es unsicher oder überfordert? Ganz abgesehen davon sagen Menschen auch einfach NEIN, um sich selbst zu schützen, um Hunger, Müdigkeit oder Schmerz zu vermeiden oder wenn sie vor etwas Angst haben. Den wahren Grund herauszufinden grenzt oft an Detektivarbeit, lohnt sich aber, genau unter die Lupe zu nehmen!

Achja, niemals ist der Grund, dass unsere Kinder uns tyrannisieren wollen!

Verständnis zeigen

Bitte nicht persönlich nehmen! Wenn unser Kind NEIN sagt, heißt das nicht automatisch, dass es uns Eltern nicht mag oder nichts mehr mit uns zu tun haben will. Oder eben, dass es uns nerven möchte (was wir leider unseren Kindern oft vermitteln, siehe Käse-Beispiel ganz oben). Und wir haben auch nichts falsch gemacht. Unser Kind sorgt einfach gut für sich selbst und entwickelt sich weiter! Dabei braucht es unsere Hilfe, indem wir es so oft wie möglich selbst entscheiden lassen und ihm versichern, dass es okay ist, auch mal seltsame Dinge zu wollen oder die falschen Entscheidungen zu treffen.

In Beziehung treten

Wenn wir unseren Kindern zeigen, dass sie gesehen werden, dass wir an ihrem Tun interessiert sind, aktiviert dies die Bindung und damit steigt auch die Kooperationsbereitschaft. Wenn es ums Aufbrechen geht, noch ein paar Minuten am Spiel beteiligen und dann gemeinsam aufhören fällt leichter, als wenn wir von unseren Kinder erwarten, dass sie bei „wir müssen los“ sofort ihr Spiel unterbrechen.

Kompromisse eingehen

Stoßen wir auf vehemente Ablehnung, sollten wir uns die Frage stellen, ob es die Diskussion gerade wert ist. Wenn nicht, lassen wir dem Kind seinen Willen bzw. versuchen wir, Kompromisse zu finden, die für alle Beteiligten passen. Oder wir fragen uns, warum es für uns gerade so extrem wichtig ist, dass das Kind gehorcht – und kommen drauf, so wichtig ist es vielleicht gar nicht. Denn nehmen wir selbst auch oft Abstand von unseren Wünschen, Vorstellungen und Erwartungen. Ich hab mich zum Beispiel von der Illusion verabschiedet, dass wir jedes Mal alle gemeinsam am Küchentisch essen – was enorm viel Stress aus der Situation nimmt.

Und während ich das schreibe, wollte ich unseren Großen (fast 7 Jahre) übrigens gerade vom Computerspielen weglocken und überreden, nach draußen zu gehen, weil das Wetter so schön ist. Keine Chance. Das kann ich akzeptieren (wenn auch widerwillig). Sein Kind zu etwas zu zwingen sollte immer einen verdammt guten Grund haben.

Lösungen ausprobieren

Ist der Grund wirklich verdammt gut, weil unser Kind die Medizin einfach unbedingt braucht, es auf der Straße zu gefährlich ist, alleine zu laufen oder man jetzt wirklich dringend zu einem Termin muss, heißt es kreativ werden. Was braucht mein Kind, um sich sicher und wohl genug zu fühlen? Das kann ein Kuscheltier auf dem Weg sein, als Morgenritual vor dem Losgehen noch ein Buch zu lesen oder die Begleitung bis vors Schultor, obwohl der Weg schon längst wohlbekannt ist.

Im Alltag mit Kindern gibt es für kein einziges Thema DIE Lösung, die immer gültig ist, weil Kinder und Eltern und Situationen einfach so extrem unterschiedlich sind. Was hilft, ist flexibel bleiben, Ruhe bewahren und oftmals auch das Kind fragen, wie man aus dem Dilemma heraus kommen könnte. Da kommen dann oft die besten Vorschläge!

Kinder lernen durch Beobachtung, aber auch sehr viel durch Erfahrung. Je größer die Kinder sind, desto mehr können sie alleine herausfinden.

  • Wenn man zu viel auf einmal trägt, fällt etwas runter.
  • Wenn man mit einem vollen Becher Wasser läuft, wird der Boden nass.
  • Wenn ich zu hoch rauf klettere, trau ich mich vielleicht nicht mehr alleine runter.
  • Gehe ich ohne Jacke raus, ist mir später vielleicht kalt.
  • Wenn ich zu viel Schokolade esse, wird mir schlecht.
  • Wenn ich es mir nicht aufschreibe, vergesse ich es.
  • Habe ich mir den Weg zuvor nicht gut angeschaut, komme ich vielleicht zu spät.

Auch wenn wir Erwachsenen vielleicht schon wissen, dass etwas (gefahrlos) schiefgehen wird – lasst die Kinder ihre eigenen Lösungen ausprobieren, ohne anschließend zu sagen: Ich habs dir ja gesagt! Wir kennen es ja von uns selbst – vieles glauben wir erst, wenn wir es selber erlebt haben. Und des Öfteren kommen die Kids dann doch zu uns und holen sich unseren Rat – Ziel erreicht, oder?

Frei von Gewalt oder Manipulation

Bei alldem gilt: Wir nehmen Abstand von physischer und psychischer Gewalt! Ein NEIN unserer Kinder durch Machtausübung oder Manipulation zum JA umzupolen, sollte tunlichst vermieden werden. Strafen oder Belohnung führen vielleicht kurzfristig zum Erfolg, längerfristig schadet es aber der Beziehung. Durch den Verlust von Respekt und Vertrauen, der damit einhergeht, wird anstatt der Bindung nur der Gegenwille gestärkt.

Mit der unzureichenden Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, schwinden auch Selbstständigkeit und Selbstvertrauen unserer Kinder – sie trauen sich buchstäblich nichts mehr zu und haben verlernt, auf ihre Bedürfnisse zu hören. Damit sind sie kaum in der Lage, einen eigenen Willen zu entwickeln.

Wir können aus Erfahrung sagen: Wir haben uns von Anfang an bemüht, unseren Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und ohne schimpfen und strafen die Beziehung in den Vordergrund zu stellen. Und mittlerweile (mit 5 und 7 Jahren) gibt es kaum noch Situationen, wo wir wegen einem NEIN unseres Kindes Kämpfe austragen müssen – wir finden immer eine Kompromisslösung, die für alle passt oder können das NEIN aus guten Gründen akzeptieren.

Wenn wir noch dazu nicht sauer sind, weil das Kind nicht tun will, was wir sagen, muss sich das Kind nicht zwischen seinem Bedürfnis nach Verbundenheit und dem Streben nach Autonomie entscheiden – es kann beides haben. Und das löst extrem viele Spannungen – beim Kind und in der ganzen Beziehung.

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Bibi F.
Bibi F.
Früher waren es Kundenprojekte - nun begleite ich das tägliche Chaos mit zwei Kindern zwischen Kampfansagen und Kuschelattacken. Vom klassischen Erziehungs-Gedanken habe ich mich längst verabschiedet. Als Berufs-Bloggerin schreibe ich mir im gnadenlos ehrlichen Familienblog Erfahrungen, Einfälle und Emotionen von der Seele.

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