Warum wir weder schimpfen noch strafen – und wie es trotzdem funktioniert
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Warum wir weder schimpfen noch strafen – und wie es trotzdem funktioniert
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Lange dachten wir, dass Erziehung ohne Strafen nicht funktioniert. Mittlerweile wissen wir, dass auch Schimpfen, ja nicht einmal die Erziehung selbst notwendig ist. Stattdessen geht es um Beziehung und Begleitung. Dies ist unser Weg.

Neulich unterhielten sich ein paar Jungs im Volksschulalter auf dem Spielplatz und ich schnappte folgenden Satz auf: „ Ich weiß nicht, warum die Erwachsenen immer schimpfen. Es ist doch e schon passiert!“

Genauso ist es! Es ist bereits passiert! Warum schimpfen wir also los? Schicken das Kind auf sein Zimmer (wusstet ihr übrigens, dass Einzelhaft eine der schlimmsten Strafen überhaupt ist…? Ich auch nicht!). Oder lassen es in der Ecke stehen. Verbieten Fernschauen, Tablet spielen, Schokolade oder den Besuch bei Freunden.

Aber Hand aufs Herz: Welchen Sinn macht es, das Kind durch Schreien, Demütigen, am Arm packen, etc. noch weiter zu bestrafen? Es hilft überhaupt nicht, es tut nur weh!

Schimpfen und Schreien hilft überhaupt nicht – es tut nur weh!

Hier haben wir also das geheime Ziel hinter den bösen Worten: Wir wollen, dass sich das Kind schlecht fühlt und es deshalb sein Verhalten ändert. Wir erniedrigen unser Kind, damit es das, was die Schimpftirade ausgelöst hat, nie wieder tut. Wir wollen es anpassen, formen, ERZIEHEN. Schlimm, was wir unseren Kindern antun, ohne es zu wissen.

Dabei muss ein Kind nicht erzogen, nicht angepasst und nicht geformt werden. Es ist gut, so wie es ist. Einziges Ziel ist, in Verbindung mit eurem Kind zu bleiben – es zu sehen, zu verstehen, zu respektieren. So wie es ist.

Aus dem Leben gegriffen: In der Küche meiner Oma stand immer ein Schüssel mit Gummibärchen. Eine Schüssel aus Glas. Meine Schwester und ich schnappten uns diese Schüssel und liefen damit ins Wohnzimmer. Sie rutschte uns aus den Händen und anstatt heil auf dem Teppichboden zu landen, zersprang sie genau an der Metallkante des Tischbeins in tausend Scherben. Die Reaktion unserer Oma weiß ich bis heute: „Muss ja auch mal was kaputt werden“ war ihr einziger Kommentar. Und dann holte sie seelenruhig den Staubsauger. Die Erleichterung von damals kann ich noch heute spüren – so einprägsam war dieses Erlebnis.

Was will ich euch damit sagen? Wir müssen nicht schimpfen, schreien, drohen, wir können ganz normal mit unseren Kindern reden und ihnen erklären, dass sie sich gerade echt blöd verhalten. Kinder sind ja nicht dumm, ihnen ist klar, dass es nicht ok ist, was sie getan haben.

Es tut ihnen leid und sie werden versuchen, es in Zukunft besser zu machen. Nur weil unsere Oma nicht geschimpft hat, haben wir nicht angefangen, in ihrem Wohnzimmer Glas zu zerdeppern.

Denn: Kinder wissen ganz genau, dass sie zu hundert Prozent von unserem Wohlwollen abhängig sind. Sie sind ihren Eltern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, ohne uns wären sie verloren.

Deshalb haben Kinder von Natur aus den Drang zu kooperieren.

Sie wollen mit uns zusammenarbeiten, wollen uns helfen, wollen uns gefallen. Kinder, die von ihren Eltern nie gelobt werden, können niemals ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln. Kinder, denen es nie erlaubt war zu weinen, zu schreien oder wütend zu sein, haben später Probleme, ihre Gefühle zuzuordnen oder auszudrücken. Kinder, die dauernd bestraft werden, haben ein gestörtes Vertrauensverhältnis zu ihren Eltern und später vielfach Probleme, ihre Aggressionen zu beherrschen. Dies sind nur einige wenige schlimme Folgen verhaltensorientierter Erziehung.

Die Familie sollte ein Safe Space sein, eine sichere Umgebung, in der Kinder sowie Erwachsene auch mal schlechte Laune haben, sich die Seele aus dem Leib schreien oder über Gott und die Welt meckern dürfen. Überall sonst müssen sie ja funktionieren!

Noch dazu ist schimpfen und strafen keine Garantie, dass das unerwünschte Verhalten nicht doch wiederholt wird. Viele Kinder provozieren extra, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Bestrafung wandelt sich somit sogar zur Belohnung. Oder sie finden andere Möglichkeiten, der Strafe zu entgehen, indem sie zu Lüge und Verheimlichung greifen.

Na gut, hin und wieder schreie ich dann doch. Zum Beispiel, wenn Tochter einen Becher Schlagobers über den Tisch schüttet und Sohn nach dem Toilettengang mit ungewaschenen Händen versucht, es aufzuwischen und abzuschlecken. Da hab ich dann doch etwas lauter verlangt, Monsieur möge auf der Stelle Hände waschen gehen.

Ebenso kam ein sehr bestimmtes „So, aus jetzt!“ als der Große es nicht lassen konnte, mich wiederholt ins Gesicht zu zwicken während ich seine Zähne putzte.

Aber solche kleinen Hin-und-wieder-Ausraster sind völlig normal und authentisch – schließlich kann man auch als Eltern nicht immer so funktionieren, wie man möchte. Und perfekt sein zu wollen ist sowieso der erste Schritt in Richtung Versagen.

Aber Kinder müssen doch lernen, sich zu benehmen!

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Erstens: Schreien und schimpfen verursacht Stress. Habt ihr schon mal versucht, unter Stress zu lernen? Funktioniert nicht! Der Lerneffekt tritt nur dann ein, wenn das Gehirn auch bereit ist, Neues zu speichern.

Wer angeschrien wird, schaltet automatisch auf Verteidigung und damit die Ohren auf Durchzug, um die Schimpftiraden bestmöglich auszublenden. Wenn wir das nicht verstehen, senden unsere Kinder eindeutige Botschaften, zum Beispiel mit Ohren zuhalten und Lalala rufen.

Dieses völlig richtige Verhalten unseres Kindes, das uns meist noch mehr auf die Palme bringt, sollte uns zu denken geben. Mit schreien und schimpfen erreichen wir genau das Gegenteil: Unsere Botschaft KANN beim Kind gar nicht ankommen.

Schimpfen hat nichts mit Lernen zu tun. Lernen kann nur, wer sich sicher fühlt.

Warum Bestrafung versagt

In ihrem Webinar „Nicht strafen und drohen, was dann?“ erzählen die beiden Aware Parenting Dozentinnen Dr. Nicole Kikillus und Anke Eyrich, warum Bestrafung auf lange Sicht nicht funktionieren kann:

  • Bestrafung macht Menschen wütend (wie fühlt ihr euch, wenn ein Mensch, den ihr liebt, euch droht?)
  • Bestrafung ist ein Vorbild für den Gebraucht von Macht
  • Bestrafung verliert mit der Zeit ihre Wirksamkeit
  • Bestrafung untergräbt die Beziehung zu unseren Kindern
  • Bestrafung lenkt Kinder von den wichtigen Dingen ab
  • Bestrafung macht Kinder egozentrischer
  • Es für sie schwer zu begreifen, warum jemand, der sie liebt, ihnen dennoch Leid zufügt

Statt Schimpfen und Strafen hilft Erklären

Wir sind die Wegweiser, die Fremdenführer, wir helfen unserem Kind, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden, in die wir es hinein geboren haben. Sozialen Umgang lernen viele Menschen ein Leben lang – und trotzdem wird von einem Kindergartenkind gefordert, zu teilen, höflich zu sein, Mitgefühl zu zeigen und seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Wir können das natürlich verlangen, wir sollten den Kindern aber fairerweise auch den Sinn dahinter erklären.

„Ich hatte richtig Herzklopfen vor Angst, als ich gesehen habe, dass du da so hoch raufgeklettert bist!“
„Das war mir ziemlich peinlich, als du unserer Nachbarin die Zunge raus gestreckt hast.“
„Ich will nicht, dass du andere Kinder zwickst oder haust, das tut ihnen weh!“
„Bitte hör in 10 Minuten auf zu spielen, wir müssen dann los. Es ist mir sehr wichtig, dass ich nicht zu spät zur Arbeit komme.“

Das sind die richtigen Botschaften! Dadurch bleibt man in Verbindung, transportiert Werte, findet gemeinsam Lösungen und kann voneinander lernen – denn Entwicklung passiert in beide Richtungen.

Was ist gutes Benehmen eigentlich?

Zweitens: Muss es das wirklich? Was genau bedeutet „sich benehmen“? Ruhig da zu sitzen, den Mund zu halten und alles tun, was ihnen die Erwachsenen sagen? Wollt ihr ein Kind, oder wollt ihr einen Roboter? Kinder sind laut, überdreht, wild, überall drauf, überall drin, überall dran! Kinder geben Konter, sind gnadenlos ehrlich und bringen uns an unsere Grenzen. So ist das Leben mit Kindern nun mal. Wer das nicht aushält, darf keine Kinder bekommen. Punkt.

Natürlich ist ein gewisses Benehmen in manchen Situationen dennoch gefragt. Versteckspiel unter Restaurant-Tischen, wilde Verfolgungsjagden durch den Supermarkt oder ständiger Befehlston statt Bitten ist nicht ok. Aber Kinder verstehen das und passen sich an. Meistens zumindest.

Wie Kinder Stress abbauen

Ebenfalls aus dem Webinar von Dr. Nicole Kikillus und Anke Eyrich: Wenn Kinder nicht kooperieren, alles abwehren oder „absichtlich provozieren“, stehen sie unter Stress. Sind müde oder hungrig, vom Kindergarten- oder Schulalltag überfordert, durch Fremdbetreuung oder einfach von der allgemeinen Situation belastet (Streit, Krankheit oder andere Probleme in der Familie, Pandemie, Krieg in der Ukraine, etc.).

Kinder sind nicht bockig, sondern gestresst!

Schon Babys nutzen ihr Weinen zum Stressabbau. Sie weinen und weinen ohne sichtbaren Grund und sind nach 10, 20, 30 Minuten, in denen sie bei ihrem Weinen auf den Armen der Eltern begleitet werden, endlich wieder entspannt. „Dies erleben zu dürfen ist ein Geschenk“ schreibt Aletha J. Solter in ihrem Buch „Warum Babys weinen“*.

Noch 10jährigen fällt es schwer, diesen Stress zu verbalisieren. Sie fühlen sich einfach nicht wohl und versuchen, irgendwie damit fertig zu werden. Durch weinen, schreien, Nein sagen, sich zurückziehen, etc. – sie können gar nicht anders.

Doch wir können unseren Kindern zu Alternativen verhelfen, diesen Stress abzubauen:

  • Bewegung und Lachen entlastet – 10 Minuten Fangen spielen oder eine Kitzelrunde auf dem Sofa wirken oft Wunder
  • Im Spielen verarbeiten Kinder das Erlebte – außerdem stärkt gemeinsames Spiel die Eltern-Kind-Bindung

Aus dem Leben gegriffen: Es ist Abend. Duschen und Zähne putzen sind bereits geschafft. Jetzt fehlt nur noch der Schlafanzug. Doch unsere Tochter (fast 3) läuft davon und versteckt sich. Mein erster Impuls: Ich geh doch jetzt nicht darauf ein, dann haben wir das Theater jeden Abend! Also stapfe ich hinter ihr her und verlange, dass sie herkommt und sich anziehen lässt. Nützt nichts.

Irgendwann erwische ich sie, schimpfe, dass sie das gefälligst lassen soll. Sie wehrt sich mit Händen und Füßen gegen das Anziehen, bis ich aufgebe, den Schlafanzug wütend in eine Ecke schmeiße, „Dann zieh dich selber an“ fauche und aus dem Zimmer gehe.

Meist ist es dann unsere Tochter, die „nachgibt“, irgendwann mit dem Schlafanzug in der Hand zu uns kommt und sich bereitwillig anziehen lässt. „Na siehst du, es geht doch“, denke ich dann mit der Gewissheit, alles richtig gemacht zu haben.

Aber es geht auch anders:

Unsere Tochter ist gestresst. Durch die Nachwirkungen eines turbulenten Tages und durch die Schlafenszeit, für die sie sich von uns trennen muss. Durch das Weglaufen animiert uns unsere Tochter intuitiv zu einem Spiel, um diesen Stress abzubauen. Wir machen mit, verfolgen sie, fangen sie, lachen gemeinsam. Sie zieht ihren Schlafanzug an und wir kuscheln uns entspannt ins Bett.

Und wenn das Kind trotzdem nicht aufhört, Dinge zu tun, die es nicht tun soll? Diese Frage kann ich nicht beantworten, da das bisher bei unseren beiden ohne guten Grund noch nie der Fall war. Ich kann nur sagen: Schimpfen und Strafen hat keinem von uns geholfen.

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Bibi F.
Bibi F.
Früher waren es Kundenprojekte - nun begleite ich das tägliche Chaos mit zwei Kindern zwischen Kampfansagen und Kuschelattacken. Vom klassischen Erziehungs-Gedanken habe ich mich längst verabschiedet. Als Berufs-Bloggerin schreibe ich mir im gnadenlos ehrlichen Familienblog Erfahrungen, Einfälle und Emotionen von der Seele.

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