Alltag mit Kind spielend meistern: Die Macht von Bindungsspielen
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Alltag mit Kind spielend meistern: Die Macht von Bindungsspielen

Zähne putzen, schlafen gehen, pünktlich sein – Bindungsspiele bauen Stress ab und können Eltern und Kindern helfen, diese klassischen Herausforderungen zu bewältigen. Wenn unsere Kinder uns auffordern, mit uns zu spielen, sollten wir deshalb so oft wie möglich darauf eingehen. 

„Fang mich doch!“ Wie oft hören wir diesen Satz von unseren Kindern! Und wie oft hören wir ihn zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Wenn es ums Anziehen für den Kindergarten geht, oder ums Zähneputzen am Abend. Nämlich dann, wenn es schnell gehen muss und wir wirklich weder Zeit noch Nerv für Kindereien haben. Das sollten wir aber! 

Denn Kinder lernen nicht nur im Spiel, sie benötigen es auch, um Erlebtes zu verarbeiten. Erwachsene sagen: „Ich bin komplett erledigt, mein Tag war so anstrengend, ich brauch jetzt eine Tasse Tee und ein bisschen Zuspruch!“ 

Kinder sagen: „Ich will mit dir spielen!“

Kinder lösen im gemeinsamen Spiel Stress und Anspannung durch die Bindung zu einer Bezugsperson, verarbeiten Ängste, indem sie belastende Situationen nachahmen und schöpfen aus der ungeteilten Aufmerksamkeit die Gewissheit, angenommen und geliebt zu werden. 

Anstatt zu schimpfen, unser Kind möge nun endlich mit dem Theater aufhören und herkommen, sollten wir auf das „Trennungsspiel“ eingehen. Es bringt mit Sicherheit mehr Zeitersparnis als die paar Minuten, die es kostet und stärkt die Bindung zu unserem Kind. Aber alles der Reihe nach.

Was sind Bindungsspiele?

  • Sie sind interaktiv, werden also gemeinsam von Eltern (bzw. Bezugsperson) und Kind gespielt.
  • Spaß und Lachen sind wichtiger als der pädagogische Wert (kein Lernspiel).
  • Eltern und Kind sollen sich zu jeder Zeit wohlfühlen, sonst gibt es keine Regeln.
  • Es gibt bei Bindungsspielen weder Sieger noch Verlierer.
  • Man braucht nichts Besonderes dazu, außer vielleicht ein paar ohnehin vorhanden Spielsachen.
  • Bindungsspiele sind zeit- und ortsunabhängig.

Warum sind Bindungsspiele so hilfreich?

  • Sie stärken die Bindung von Eltern und Kind.
  • Sie helfen, Aggressionen, Angst und Stress abzubauen (übrigens nicht nur den Kindern).
  • Sie vermitteln Sicherheit und Vertrauen und unterstützen damit die Lösung von (An)Spannungen und Konflikten.
  • Sie machen Spaß und regen zum Lachen an, was ebenfalls negative Emotionen wie Angst und Wut verringern oder sogar ganz auflösen kann.
  • Bindungsspiele sind ab dem ersten Tag bis zum Alter von etwa 12 Jahren hilfreich. 

„Das Spiel zählt zu den besten Mitteln, die emotionalen Batterien Ihres Kindes wieder aufzuladen.“

(ALETHA J. SOLTER)

9 Formen von Bindungsspielen mit Kindern und wann sie sinnvoll sind

Die schweizerisch-amerikanische Entwicklungspsychologin Aletha J. Solter erarbeitete 9 verschiedene Arten von Bindungsspielen*, deren Wirksamkeit mittlerweile wissenschaftlich belegt ist. Sie werden auch in psychotherapeutischen Behandlungen von Verhaltensauffälligkeiten oder Angststörungen eingesetzt. 

Mit Bindungsspielen kann man grundsätzlich nicht viel falsch machen, das Kind muss allerdings ebenfalls dafür bereit sein. Am effektivsten wirken Bindungsspiele, wenn die Kinder uns selbst dazu auffordern. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir erkannten, dass ihre teils nervigen Verhaltensweisen eigentlich nur Aufforderungen zum Spielen darstellen:

  • Davonlaufen, sich verstecken
  • Uns alles nachsagen (mega-nervig, das triggert mich total!)
  • Stoßen, rempeln, zwicken, kitzeln
  • Sich an uns klammern
  • Lieder falsch singen
  • Sich wie ein Baby verhalten

Aus unseren Erkenntnissen gibt es zu jedem Bindungsspiel ein mögliches Erkennungsmerkmal als Code dazu. 

Trennungsspiele

Trennungsspiele-wie-Fangen-und-Verstecken-sind-Bindungsspiele-zur-Linderung-der-Trennungsangst

Bleiben wir bei den Trennungsspielen, nachdem dies eine der häufigsten Formen ist, die vom Kind eingefordert wird. Sich von uns zu trennen löst beim Kind jedes Mal Stress aus. Sei es vor dem Kindergarten, dem Tag bei den Großeltern oder vorm Einschlafen. Der Klassiker unter den Trennungsspielen ist das Versteckspielen. Kinder entscheiden bewusst, sich von uns zu trennen und freuen sich, wenn wir uns wieder finden. Das verlässliche Zurückkehren gibt Vertrauen und Sicherheit und lindert somit die Trennungsangst. 

Fangen spielen funktioniert ebenso und wird von Kindern sehr oft eingefordert, wenn eine Trennung bevorsteht. Das Trennungsspiel wird übrigens schon von Säuglingen geliebt. Oder kennt ihr ein Baby, das „Guck-guck“ nicht lustig fand? 

Code für die Aufforderung zum Trennungsspiel: „Fang/Such mich doch!“

Kontingenzspiele

Für viele genervte Eltern ein Aha-Erlebnis: Wenn ein Baby wiederholt seinen Löffel fallen lässt und sich jedes Mal tierisch freut, wenn er am Boden klimpert, ist dies eine Form des Kontingenzspiels. Ebenso wenn wir ein bestimmtes Geräusch machen, sobald das Baby unsere Nase drückt. Kinder erfahren so ihre Selbstwirksamkeit und stärken ihr Selbstvertrauen: Ich tue etwas und es passiert etwas – das Gleiche immer und immer wieder. 

Größere Kinder haben ebenfalls tierische Freude an ihrer Selbstwirksamkeit. Sie kitzeln und wir kitzeln zurück. Sie laufen davon, wir ihnen nach. Aber auch: Sie werfen Essen auf den Boden und wir schimpfen. 

Ein wunderbares Kontingenzspiel für größere Kinder ist das gemeinsame Tanzen, bei dem wir all ihre Bewegungen nachmachen. Diese Imitationsspiele beherrschen ebenfalls schon die Kleinsten. Das Baby grinst, wir auch. Wir strecken unsere Zunge raus, das Baby auch. Oder wir lassen unsere Kinder auf unserem Rücken reiten und sie geben die Befehle „Hüa“, „Brrr“, „links“ und „rechts“. Das führt uns auch gleich zum nächsten Bindungsspiel….

Code für die Aufforderung zum Kontingenzspiel: Dinge auf den Boden werfen, Zunge rausstrecken, kitzeln, uns alles nachsagen

Machtumkehrspiele

In eine ähnliche Bresche wie die Kontingenzspiele schlagen die Machtumkehrspiele. Wir sind von Natur aus unseren Kindern überlegen – in jeder Hinsicht. Auch wenn wir uns bemühen, unsere Kinder so viel wie möglich mitbestimmen zu lassen, spätestens in Kindergarten und Schule ist das Gefühl von Machtlosigkeit und Kontrollverlust ein ständiger Begleiter.

Lassen wir unsere Kinder den Spieß doch mal umdrehen:

  • Wir liegen hilflos am Boden und wissen nicht mehr, wie man sich anzieht
  • Wir erschrecken uns furchtbar vor unserem Buh-rufenden Kind oder einer Plastikschlange.
  • Wir können unmöglich das (bereits halb geöffnete) Marmeladeglas aufschrauben und bedanken uns augenzwinkernd bei unserem bärenstarken Sprössling.
  • Wir sind (lächelnd) wütend, wenn unser Kind den Turm zerstört, den wir gebaut haben.
  • Wir lassen uns von unseren Kindern fangen, umschaukeln oder zu Boden ringen. Damit es nicht zu wild, wird vorher vereinbart, bei „Stop“ aufzuhören. 

Auch wenn die Kids genau wissen, dass unser Verhalten nur gespielt ist, fördern diese Bindungsspiele ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstsicherheit

Achtung! Gerade bei körperbetonten Machtumkehrspielen ist wichtig, dass die Kinder nach wie vor lachen und nicht verbissen gewalttätig werden. Falls doch, muss hier genauer auf mögliche tieferliegende Bedürfnisse geachtet werden.  

Code für die Aufforderung zum Machtumkehrspiel: „Papa, nochmal erschrecken!“

Spiele mit Körperkontakt

Bindungsspiele-mit-Körperkontakt-geben-dem-Kind-Nähe-Sicherheit-und-Vertrauen

Ebenfalls ein Spiel, das ab dem ersten Tag funktioniert. Bis heute werde ich nicht vergessen, dass unser Großer das erste Mal hellauf lachte, als ich ihn mit der Stirn an seiner Schulter kitzelte. Da war er wenige Wochen alt. „Hoppe hoppe Reiter“ ist ebenfalls ein Klassiker. Berührung und Körperkontakt an sich stärkt die Bindung durch die Ausschüttung des Kuschelhormons Oxytocin. 

Ältere Kinder stillen ihr Bedürfnis nach Nähe und Verbindung nicht nur durch Kuscheln, sondern wollen auch raufen, toben und durch die Luft gewirbelt werden. Damit entwickeln sie ganz nebenbei ihre Körperwahrnehmung, lernen „sich zu spüren“, können sich durch die Bewegung abreagieren, stärken ihr Vertrauen zu uns und in sich selbst, und erfahren Zugehörigkeit und Sicherheit. 

Disclaimer: Gerade beim spielerischen Kämpfen und Raufen fürchten manche Eltern, dass dies aggressives Verhalten eher fördert. Laut wissenschaftlichen Erkenntnissen ist das Gegenteil der Fall und die Kinder werden ruhiger, sanfter und empathischer. Auch wir haben diese Erfahrung gemacht und seither hängt in unserem Wohnzimmer bei Bedarf ein Boxsack. 

Code für die Aufforderung zum Körperkontakt: Kind boxt uns, klammert sich an uns oder schmeißt sich auf uns

Nonsens-Spiele

Oh, wie oft haben sie bei uns die Lage gerettet! Das klassische Blödeln bringt Kinder garantiert zum Lachen. Wir stellen uns dumm, machen bewusst etwas falsch und sind dann ganz erstaunt, wenn unser Kind es besser weiß. Wir übertreiben unsere Reaktionen und Gefühle ins Absurde und wundern uns, warum etwas nicht klappt. 

Nonsens-Spiele helfen wirklich so gut wie immer, wenn sonst gar nichts mehr geht:

  • Beim Zähne putzen oder anziehen: Natürlich zeigen uns die Kinder, dass die Zahnbürste die Zähne und nicht die Zehen putzen soll und dass die Hose über ihre Füße und nicht auf unseren Kopf gehört. 
  • Wenn das Kind Medikamente nehmen muss: Wie, der Saft gehört in den Mund? Ich dachte, der ist zum Boden wischen / Haare waschen / für die Katze / etc. 
  • Wenn man spät dran ist und es schnell gehen muss: Wo hab ich denn meine Schuhe / das Auto / meine Kinder hingestellt….? 
  • Wenn etwas gerade nicht funktioniert: Was, unsere Lieblingsserie gibts heute nicht? Das macht mich so wütend, da schmeiß ich gleich den Fernseher aus dem Fenster!

Code für die Aufforderung zum Nonsens-Spiel: Kind singt ein Lied absichtlich falsch / zieht sich die Socken über die Hände

Regressionsspiele

Gerade wenn ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung gemeistert wurde oder ein Geschwisterchen zur Welt gekommen ist, brauchen viele ältere Kinder diese Form der Bindungsspiele. Sie verhalten sich plötzlich wieder wie ein Baby, wollen gefüttert, in den Schlaf gewiegt und angezogen werden. 

Diese scheinbaren Rückschritte sind wie eine kleine Verschnaufpause in der Entwicklung und völlig unproblematisch. Wenn wir bereitwillig darauf eingehen ohne es lächerlich zu machen, helfen wir unserem Kind, mit der neuen Situation klar zu kommen und es für seinen weiteren Weg in die Unabhängigkeit zu stärken. 

Wenn wir ein Regressionsspiel einleiten möchten, können wir mit unserem Kind in der Babysprache reden, Fingerspiele spielen oder von früher erzählen („Als du noch ein Baby warst…“). 

Code für die Aufforderung zum Regressionsspiel: Kind kann nicht mehr selber essen, gehen, etc.

Kooperative Spiele

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Bei diesen Bindungsspielen steht das gemeinsame Tun im Mittelpunkt. Wir laden unsere Kinder ein, mit uns zu backen, kochen, basteln, singen, wandern, Geschichten zu erzählen oder im Garten zu arbeiten. Auch gemeinsames Puzzle bauen, Malen oder Rätsel lösen fördert die Bindung zwischen Eltern und Kind. 

Kinder lieben es, den Großen zu helfen. Gemeinsam ein Ziel zu erreichen stärkt ihr Selbstvertrauen und nährt das Wissen, wichtig zu sein und einen Beitrag in der Gruppe zu leisten. Am Ende fühlen sie sich wertgeschätzt und zugehörig und sind stolz, etwas geschafft und geschaffen zu haben. Außerdem lernen sie, das Können von sich und anderen einzuschätzen und spornen sich gegenseitig zu Höchstleistungen an. 

Kindzentrierte Spiele

Nicht angeleitete, kindzentrierte Spiele kommen oft bei der gezielten Therapie zum Einsatz. Hier steht die ungeteilte Aufmerksamkeit im Fokus, das Kind und sein Spiel sind der Mittelpunkt. Kein Handy, nicht schnell zwischendurch abwaschen oder Wäsche aufhängen. Auch wenns schwer fällt. Vielleicht fällt es leichter, vorher eine bestimmte Zeit auszumachen (idealerweise 30 Minuten jeden Tag). 

Was und wie gespielt wird, entscheidet das Kind, wir halten uns im Hintergrund und richten uns nach seinen Anweisungen. Ob Kuscheltiere, Bausteine, Puppen, Kaufmannsladen oder Autos – das Kind lässt seiner Fantasie freien Lauf. Wir beobachten, hören aktiv zu, kritisieren nicht und lassen uns voll und ganz auf das Spiel ein. Schon bald wird das Spiel eine Richtung einschlagen, die darauf schließen lässt, womit sich das Kind gerade emotional beschäftigt. 

Code für die Aufforderung zu kindzentrierten Spielen: „Mama, jetzt bleib mal da/hör mir mal zu!“

Symbolspiele

Ähnlich wie bei den kindzentrierten Spielen ist hier der Fokus auf das Kind der Schlüssel, allerdings sind wir hier aktiver bei der Sache. Symbolspiele helfen vor allem, bestimmte Vorfälle zu verarbeiten. Dementsprechend erfolgt die Auswahl der Spielfiguren. Wie immer stehen Fantasie und Spaß im Vordergrund. 

War das Kind zum Beispiel einige Tage im Krankenhaus, kann das Erlebte leichter verarbeitet werden, wenn der Spitalsaufenthalt mit Kuscheltieren oder als Rollenspiel mehrmals nachgespielt wird. 

Symbolspiele helfen auch präventiv. Der erste Tag in Schule oder Kindergarten oder der Besuch beim Kinderarzt wird sicherer gemeistert, wenn das Kind dasselbe zuvor bereits spielerisch erlebt hat. 

Code für die Aufforderung zu Symbolspielen: Kind stellt eine bekannte/erlebte Szene mit Spielzeug nach.

Fazit: Bindungsspiele können der Schlüssel zum friedvollen Miteinander sein

Ideen für Bindungsspiele gibt es sehr viele, mit der Zeit kann man sie immer gezielter einsetzen, um kritische Alltagssituationen stressfrei zu bewältigen. Der Aufbau einer sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind beginnt schon ab der ersten Berührung und verliert niemals an Bedeutung. Umso besser, wenn dies spielerisch und ohne Erwartung einer Gegenleistung unterstützt wird. Gehen wir also darauf ein, wenn unsere Kinder uns zum Spielen auffordern – egal ob bewusst oder unbewusst!

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Bibi F.
Bibi F.
Früher waren es Kundenprojekte - nun begleite ich das tägliche Chaos mit zwei Kindern zwischen Kampfansagen und Kuschelattacken. Vom klassischen Erziehungs-Gedanken habe ich mich längst verabschiedet. Als Berufs-Bloggerin schreibe ich mir im gnadenlos ehrlichen Familienblog Erfahrungen, Einfälle und Emotionen von der Seele.

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