Wutanfälle bei Kleinkindern: 5 Schritte durch die Wut
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Wutanfälle bei Kleinkindern: 5 Schritte durch die Wut
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Mit etwa 2 Jahren geht es los: Euer süßer Schatz, der grad eben noch selig in euren Armen geschlafen und euch angehimmelt hat, verwandelt sich über Nacht in einen wütenden Terrorzwerg. Oder so. Und ihr könntet ebenfalls regelmäßig ausrasten. 

Für die Entwicklung eures Kindes ist die so genannte „Trotzphase“ extrem wichtig. Euer Sprössling entdeckt seine eigenen Wünsche und Ziele und probiert Strategien aus, diese zu erreichen. Wutanfälle bei Kindern kann man deshalb nicht vermeiden. Anstatt der Wut den Riegel vorzuschieben (das kann gefährlich sein), sollte man sie willkommen heißen, gemeinsam durchstehen und konstruktiv zur Weiterentwicklung der Gefühlswelt nutzen. 

Nehmt euer Kind ernst

Neulich im Zoo: Es ist 17:30 Uhr, die Müdigkeit der Kinder ist groß, die Nerven der Eltern liegen vielfach bereits blank. Kind rennt, stürzt, schreit. Mutter, Freundin, noch drei Kinder und die Großeltern drehen sich um. Mutter sagt: „Geh bitte, ist doch nix passiert! Und jetzt hör auf zu weinen, sonst fangen wieder alle an zu plärren!“

Am liebsten wäre ich hin gegangen und hätte folgendes gesagt (oder so ähnlich): „Natürlich ist etwas passiert, sonst würde sich dein Kind nicht gerade die Seele aus dem Leib schreien. Und dass du jetzt mit ihm schimpfst weil es sich weh getan hat, macht die Sache auch nicht besser. Und von wegen „hör auf zu weinen“ – hast du das schon mal auf Befehl geschafft?“

Kinder fühlen sich ernst- und angenommen, wenn wir auf sie eingehen. Wenn wir auch ihr Verhalten spiegeln. Traurig sind weil das Spielzeug kaputt gegangen ist, böse sind auf die Freundin, die gemein war, zornig, weil der Stromzähler gerade zur Fernsehzeit getauscht wird (das war ein DRAMA, sag ich euch!). 

Lasst eure Kinder wissen, dass ihr ihre Emotionen versteht, dass sie nachvollziehbar sind – und dass es keineswegs falsch ist, so zu fühlen und diese Gefühle auch auszudrücken. Akzeptiert euer Kind, wie es ist, auch wenn es wütet und tobt. 

Seid der ruhende Pol

Begleitet eure Kinder in ihrem Schmerz, ihrer Wut, ihrer Enttäuschung. Bleibt selber ruhig. Eure Ruhe wird sich auf euer Kind übertragen, weil Kinder extrem feine Antennen haben. Nehmt euer Kind an der Hand, drückt es, schaut ihm in die Augen, lasst es in Ruhe, seid einfach nur da – so wie es euch gerade braucht. 

Und dann wartet auf das Ende des Wutanfalls, sollte es auch noch so lange dauern. Die Zuschauer im Supermarkt werden euch anerkennend zunicken und anstatt eurer Erziehungsunfähigkeit eure Engelsgeduld kommentieren. 

Wenn ihr die Gefühle benennt, die euer Kind augenscheinlich gerade durchlebt („Ich weiß, du bist gerade total wütend/enttäuscht/zornig/traurig/genervt“), trägt dies zum Emotionsverständnis bei. Euer Kind weiß, was mit ihm los ist, wie sich „traurig“ oder „wütend“ anfühlt und lernt so, seine Gefühlswelt (er)kennen. 

Aus dem Leben gegriffen: Wir waren auf einer Hochzeit. Dort gab es jede Menge Luftballons. Gasluftballons. Unser Großer (3,5 Jahre alt) wollte unbedingt einen haben und ich band ihm einen ums Handgelenk. Stolz spazierte er damit herum und ließ ihn nicht aus den Augen.

Bis nach nicht einmal 10 Minuten das Unvermeidbare passierte: Das Band rutschte von seinem Arm und der Luftballon stieg – quälend langsam aber schnell genug, dass wir das Band nicht mehr fassen konnten – in den Himmel. Und dann brach das Gewitter los.

Ich entfernte mich mit meinem von Wut, Enttäuschung und Trauer gebeutelten Kleinkind von der Hochzeitsgesellschaft, aber es war nicht zu überhören. Sein Geschrei hallte über den gesamten Festplatz und von den nahegelegenen Bergen wider (echt jetzt, gleich neben uns war nämlich eine ziemlich hohe Felswand, auf die der Luftballon übrigens zuflog). 

Sofort kamen diverse Freunde und Bekannte inklusive der Braut zu uns gelaufen und fragten was denn los sei. Innerhalb von wenigen Minuten hatten wir 10 neue Luftballons. Aber das war egal – er wollte natürlich genau SEINEN haben und tat dies weiterhin lautstark kund. 

Wie haben wir reagiert? Wir hielten ihn einfach im Arm und ließen ihn weinen. An uns gekuschelt mit seinem Schmerz fertig werden. Dass der Luftballon in der Ferne immer noch zu sehen aber völlig unerreichbar war, machte die Sache auch nicht besser. 

Reden, tadeln, erklären oder ablenken hilft in diesem Zustand der Aggression nicht, denn das Gehirn ist im Ausnahmezustand. Es kann das Gesagte nicht aufnehmen und noch viel weniger daraus lernen. Wir warteten einfach ab, bis es vorbei war.

Habt Verständnis 

Bleiben wir bei der Luftballon-Geschichte: Nachdem sich unser Sohn etwas beruhigt hatte (die 15 Minuten kamen mir vor wie 5 Stunden) ließ er sich schließlich trösten. Mit echter Anteilnahme, echtem Mitgefühl und echtem Verständnis. Denn dieser entschwundene Luftballon war seine erste richtige Erfahrung von Verlust und dem damit verbundenen Schmerz. 

Natürlich hätten wir sagen können: „Stell dich nicht so an, es ist doch nur ein Luftballon, nimm doch einen anderen“ oder „schrei doch nicht so, die Leute schauen schon“. Und natürlich war es mir peinlich, dass wir plötzlich der Mittelpunkt des Geschehens waren, doch unser Sohn fühlte sich ernstgenommen und begleitet. 

Und die Blicke, die wir hinterher ernteten, waren keinesfalls missbilligend, weil sich unser Kind so aufführte, sondern verständnisvoll und mitfühlend. „Ich bewundere eure Geduld“, sagte eine ebenfalls-Mutter zu mir. Das tat gut!

Um es mit den Worten von Wissenschafts-Journalistin und Bestseller-Autorin Nicola Schmidt zu sagen: 

„Kinder schreien nicht, um uns zu ärgern, sie schreien weil sie wirklich Hilfe brauchen!“ 

Sie werden übermannt von ihren Emotionen und wissen nicht wohin damit. Plötzlich fühlen sie sich furchtbar schlecht und wissen oft nicht einmal genau, warum. Niemals setzen „die kleinen Tyrannen ihre Wutanfälle gezielt ein um ihren Willen durchzusetzen“. 

Noch beim Nachhausefahren und abends beim Schlafengehen war unserem Großen die Trauer deutlich anzusehen. Wir haben nochmal darüber geredet, er hat nochmal ein bisschen geschluchzt und dann war der Vorfall zum Glück überstanden. 

Zeigt Alternativen zum Toben

Natürlich sollte es nicht immer so bleiben. Sich in der Gesellschaft zurecht zu finden, bedeutet auch, seine Emotionen in gewissem Maße zu kontrollieren und nicht mehr ungebremst zu wüten, wenn einem gerade danach ist. Doch sich selbst zu beruhigen müssen Kinder ebenso lernen wie laufen und sprechen

Gefühlsregulation bedeutet, mit Emotionen angemessen umzugehen, sie in ihrer Intensität und Dauer zu kontrollieren. Dies lernen Babys bereits in den ersten Lebensmonaten. Sie lutschen am Daumen oder drücken ein Kuscheltier, um sich zu beruhigen. Bei noch sehr kleinen Kindern oder in großen Stresssituationen muss dieser Regulationsprozess von einer Bezugsperson unterstützt werden. 

„Schau, Tobi hat jetzt gerade die gelbe Schaufel. Du kannst einstweilen die grüne Schaufel nehmen oder inzwischen schaukeln gehen.“ Diesen Vorschlag verstehen schon 1,5jährige. Bei Kindergartenkindern helfen Dinge wie „Atme mal tief durch“, „Zähl bis 10“, „Schlag in das Kissen“, etc. 

Ungefähr ab dem Grundschulalter wird die Unterstützung durch Bezugspersonen immer weniger benötigt. Euer Kind hat (in den meisten Fällen) gelernt, sich verbal zu äußern oder aus der Situation zu nehmen, bevor sie eskaliert. 

Achja: Hab ich schon erwähnt, dass Kinder uns spiegeln und durch Nachahmung lernen? Wie geht ihr mit eurer Wut um…?

Sagt eurem Kind, dass ihr es liebt

Hier muss ich noch einmal Nicola Schmidt zitieren: 

„Sag deinem jeden Tag, dass du es lieb hast. Außer es nervt dich. Dann sag es ihm zweimal!“

Mit der Botschaft „Ich hab dich lieb“ versichern wir unseren Kindern, dass sie gut sind so wie sie sind. Dass wir sie annehmen auch wenn sie sich auf den Boden werfen und kreischen. Dass wir immer für sie da sind. Und dass wir ihnen Wege aufzeigen, wie man die Wut im Bauch wieder los wird, ohne Sachen zu schmeißen. 

Auch das spiegeln sie übrigens und sagen dann: „Mann, Mama, bist du heute nervig! Komm mal kuscheln, ich hab dich lieb!“

Buchtipps: Wut bei Kleinkindern

Hier noch ein paar empfehlenswerte Bücher, in denen es nicht nur um Wutanfälle, sondern generell um die starken Gefühle kleiner Kinder, deren Regulation und unsere angemessene Reaktion darauf geht. 

Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn

Wie überlebt ihr die Trotzphase ohne Drohen, Schimpfen und Strafen? Danielle Graf und Katja Seidel, die Autorinnen des erfolgreichen Elternblogs in Deutschland gehen dieser Frage mit Humor, Erfahrungsberichten, wissenschaftlichen Erkenntnissen und wertvollen Praxis-Tipps auf den Grund. Damit ihr beim Wutanfall eures Sonnenscheins die Ruhe bewahrt. 

artgerecht – Das andere Kleinkinderbuch

„Kinder sind immer wunderbar. All unsere Probleme sind reine – Benutzerfehler.“

Nicola Schmidt geht wissenschaftlich fundiert der Gefühlswelt unserer Kinder auf den Grund. Warum wollen sie nichts Grünes essen und trauen sich nicht alleine einzuschlafen? Hat alles die Natur so eingerichtet. Wer das versteht, kann seine Kinder ernst nehmen und richtig auf ihre überbordenden Emotionen reagieren. 

Mama nicht schreien

Liebevoll bleiben bei Stress, Wut und starken Gefühlen – das wünschen sich wohl alle Eltern. Doch kaum jemand bringt uns so auf die Palme wie unsere eigenen Kinder. Wir können aus unserer Haut nicht hinaus und schreien dann oft selber. Hinterher bereuen wir diese Impuls-Reaktionen und sind auf uns selber wütend.

Jeannine Mik und Sandra Teml-Jetter helfen, mit Übungen für den Notfall automatische Muster aufzulösen und Eskalationen zu vermeiden. Treten wir stattdessen in Beziehung zu unserem Kind und finden wir gemeinsam Lösungen.

Warum Babys weinen

Aletha J. Solter erklärt hier, warum es so wichtig ist, dass Babys weinen dürfen. Denn schon Babys nutzen ihr Weinen zum Stressabbau. Sie weinen und weinen ohne sichtbaren Grund und sind nach 10, 20, 30 Minuten, in denen sie bei ihrem Weinen auf den Armen der Eltern begleitet werden, endlich wieder entspannt.

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Bibi F.
Bibi F.
Früher waren es Kundenprojekte - nun begleite ich das tägliche Chaos mit zwei Kindern zwischen Kampfansagen und Kuschelattacken. Vom klassischen Erziehungs-Gedanken habe ich mich längst verabschiedet. Als Berufs-Bloggerin schreibe ich mir im gnadenlos ehrlichen Familienblog Erfahrungen, Einfälle und Emotionen von der Seele.

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