Unsere Kinder sind die besten Therapeuten
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Unsere Kinder sind die besten Therapeuten

Kinder sind der Wahnsinn! Sie halten uns ständig einen Spiegel vor, triggern unser inneres Kind und lösen Gefühle aus, von denen wir nicht wussten, dass sie so stark sein können. Sie erkennen mühelos unsere Stärken und Schwächen und helfen uns mit ihrer Lebensfreude und bedingungsloser Liebe, wieder ins Lot zu kommen.

Aus dem Leben gegriffen: Meine 3jährige Tochter wollte, dass ich sie hochhebe, damit sie die Zimmerdecke berühren kann. Ich sagte zu ihr, dass ich das nicht schaffen würde, dass ich zu klein bin, dass ich zu wenig Kraft habe. Sie ließ nicht locker und meinte: „Doch, du schaffst das!“

Also versuchte ich es. Ich hob sie an den Oberschenkeln hoch, sie machte sich ganz steif, streckte die Arme gaaaaaanz nach oben – und berührte mit den Fingerspitzen die Zimmerdecke. Als ich sie wieder in den Armen hielt, strahlte sie mich an und sagte: „Schau Mama, du bist so stark!“

Dieses Erlebnis führte dazu, dass ich in der Nacht darauf 3 Stunden wach lag und mich selbst reflektierte. Hatten wir hier die Rollen vertauscht? Normalerweise sollte doch ICH diejenige sein, die zu den Kindern sagt: „Versuch es mal, ich weiß, du schaffst das, du bist groß genug!“

Nein, hier spornte mich meine Dreijährige zu „Höchstleistungen“ an. Und das in einer Situation, in der ich schon seit Wochen fürchtete, keine Kraft mehr zu haben:

  • Keine Kraft, sie an die Decke zu heben
  • Keine Kraft, beide Kinder gleichzeitig zu tragen, weil sie schon so groß sind
  • Keine Kraft, Wäschekörbe, Duplo-Kisten oder Rasenmäher zu schleppen

Aber auch:

Und mir fiel auf, wie oft meine Tochter in letzter Zeit erwähnte, dass ich stark wäre. Oder groß. Oder etwas toll gemacht habe. WTF???

Kinder kehren unser Innerstes nach außen – gnadenlos

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Dass Kinder Meister darin sind, uns den Spiegel unserer eigenen noch so verborgenen Gefühlswelt vorzuhalten, habe ich hier bereits beschrieben. Kinder lernen seit der Steinzeit durch Beobachtung und Nachahmung und haben diese Fähigkeiten über Jahrtausende perfektioniert. 

Sie merken ganz genau, wenn es uns nicht gut geht und achten sogar darauf, dass es uns wieder besser geht. Wenn ich wirklich dringend eine Pause brauchte, spielten sie plötzlich 20 Minuten friedlich miteinander und ließen mir meine kurze Auszeit, durchzuatmen. 

Kinder erwecken unsere Gefühle

Könnt ihr euch noch erinnern? Die erste große Liebe, die Schmetterlinge im Bauch, die weichen Knie, die Unfähigkeit zu sprechen, die Höhenflüge und die unendliche Traurigkeit der Trennung. 

Ich dachte, diese Gefühle sind stark. Und dann kam unser erstes Kind auf die Welt. Ich war erfüllt von einer überschwänglichen Mischung aus Liebe, Stolz und Hingabe, die ich noch nie so intensiv erlebt habe! 

Zu den positiven Gefühlen kam die Kehrseite der Medaille: 

  • Zweifel – Bin ich eine gute Mutter?
  • Angst – Was, wenn mein Kind krank wird?
  • Aggression – Wehe, irgendjemand tut meinem Kind etwas zuleide, ich werde ihn ohne zu zögern vierteilen!
  • Erschöpfung – Ich kann weder in Ruhe schlafen, noch essen, habe plötzlich null Zeit für mich
  • Verzweiflung – Ich bin jetzt schon am Ende, wie stehe ich das nur durch?
  • Wut – Mein Partner lebt einfach sein Leben weiter und ich bin hier zuhause angehängt

Ich weiß nicht, wie es euch ging, aber ich war völlig überrascht, über die unglaubliche Intensität der Gefühle – positiv wie negativ. 

Kinder spiegeln unsere Gefühle

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Kinder ahmen nicht nur unser Verhalten nach, sie spiegeln auch unsere Emotionen. Kinder haben die Gabe, Dinge, die um sie herum passieren, aufzunehmen und darauf einzugehen. Sie hören auf die Signale ihres Körpers und nehmen auch noch Schwingungen wahr, die das Erwachsenen-Gehirn längst blockiert hat. 

Dazu gehört unter anderem die Gefühlswelt um sie herum. Mit ihren feinen Antennen merken unsere Kinder genau, wie es um unsere Stimmung bestellt ist. Auf Anspannung und Stress reagieren sie aufgekratzt, klammernd und „nervig“. Sie tun kund, dass es ihnen nicht gut geht, wollen diese negativen Gefühle loswerden und suchen deshalb unsere Nähe. 

Sind die Menschen um sie herum entspannt und ihnen freundlich zugewandt, verhalten sie sich ebenfalls friedlich, kooperativ und neugierig. Denn eine derartige Umgebung bietet das beste Umfeld für Lernen und Weiterentwicklung – ihren Hauptjob. 

Meine Kinder hielten mir zum Beispiel bei der Kindergarten-Eingewöhnung einen Spiegel vor: Erst als ich mein schlechtes Gewissen unter Kontrolle hatte, meine Kinder „abzuschieben“, war das tägliche Drama vor der Türe Geschichte und sie gingen endlich gerne in die Gruppe.

Mittlerweile weiß ich:

Wenn die Kinder nerven, schau ich mal nach, wie es mir selbst gerade geht.

Kinder spiegeln verborgene Erinnerungen

Zusätzlich zu unserer aktuellen Stimmungslage können Kinder auch noch eine Ebene tiefer gehen und unsere verborgenen Erinnerungen und Gefühle aufdecken. Sie triggern mit ihrem Verhalten extrem oft unser inneres Kind und holen Ängste aus unserer Vergangenheit ans Tageslicht

Eltern, die in ihrer Kindheit immer ermahnt wurden, leise zu sein und nicht zu stören, reagieren besonders sensibel auf Lärm ihrer eigenen Kinder. Sie erinnern sich unterbewusst daran, dass Lärm schlecht ist und laute Kinder vielleicht sogar weniger Liebe erhalten. Dies wollen sie für ihr eigenes Kind unbedingt vermeiden und werden deshalb schnell ungehalten, wenn das Spiel zu laut wird. 

Dasselbe Schema gilt für Unordnung, Essmanieren, Höflichkeit, Herumtoben oder Gefühlsregulation (Wutanfälle). 

Was leben wir unseren Kindern vor?

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  • „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“
  • „Von nichts kommt nichts!“
  • „Tust du was, dann hast du was!“

Kennt ihr diese „Leitsätze“? Wahrscheinlich noch von euren Eltern und Großeltern. Damals, nach dem Krieg, war das auch tatsächlich so. Wer überleben wollte, musste sich anstrengen, die Arbeit war hart und mühsam, Leistung wurde belohnt, Faulheit bestraft. Unser Schulsystem funktioniert heute noch so. 

Unseren Kindern und Jugendlichen von heute haben wir allerdings auch deutlich gezeigt, wie es nicht geht: Wir machen damit uns und unsere Welt kaputt. Wir stellen Materialismus über Beziehung, Social Media über Social Life. Wir vergessen unsere Bedürfnisse nach Ruhe und schlittern dadurch der Reihe nach ins Burnout. Facebook, Instagram und wie sie alle heißen sind voller verzweifelter Eltern, die vor lauter Überforderung durch Job, Haushalt und Familie nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. 

Kinder bekommen auch das mit:

  • Dass Papa und Mama keine Zeit haben, weil sie in die Arbeit müssen, die sie nervig finden.
  • Dass sie sich viel zu viel aufhalsen, zu wenig auf sich schauen und zu wenig Nein sagen.
  • Dass sie ihre Wut hinunter schlucken und Streit aus dem Weg gehen.
  • Dass sie deswegen überfordert und angespannt sind.
  • Dass sie deswegen keine Geduld haben und schnell laut werden. 

Wer sind die Leidtragenden? Unsere Kinder! Sie spiegeln auch dieses Verhalten. Von Natur aus achten sie auf sich selbst und ihre Bedürfnisse. Wenn es ihnen nicht gut geht, tun sie das lautstark kund in der Hoffnung, dass ihnen jemand hilft, ihre negativen Gefühle wieder los zu werden. 

Aber wir leben ihnen ständig vor, NICHT auf die Alarmsignale unseres Körpers zu hören und mal Stop zu sagen, wenn man nicht mehr kann. Deshalb:

Achten wir auf unsere Bedürfnisse!

Aus dem Leben gegriffen: Unsere Tochter sitzt am Tisch und löffelt Joghurt. Sie ist ja schon groß, deshalb darf ich ihr nicht mehr helfen, neues zu nehmen. Joghurt landet auf dem Tisch. 

  • Meine Reaktion wenn ich ausgeschlafen, entspannt, mit mir selber im Reinen bin: „Oje, ist was daneben gegangen? Na macht nix, komm, wir wischen es weg.“
  • Meine Reaktion wenn ich all das nicht bin: Geh bitte, kannst du nicht aufpassen? Muss das sein? JEDES MAL, wenn du was isst, geht was daneben, das gibt’s ja nicht! 

Beim letzten Mal, als mir das passiert ist, war ich schon so sensibilisiert, dass ich selber über mich erschrocken bin. Warum schimpfe ich jetzt so mit ihr? Ist doch wirklich nichts passiert! Und es tat mir furchtbar leid, dass ich meine innere Anspannung auf meine unschuldige Tochter abgeladen habe, nur weil ich gerade müde und genervt war. Wohl dringend Zeit für mehr kleine Auszeiten!

Und dann kommt die Therapie

Wenn-wir-uns-bewusst-sind-dass-es-ein-Problem-gibt-können-wir-es-angehen

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung heißt es. Denn wenn wir uns bewusst sind, dass es ein Problem gibt, können wir es angehen. Unerfüllte Bedürfnisse rechtfertigen nicht, unsere Kinder anzuschreien oder wie auch immer nicht friedvoll zu behandeln. Aber sie erklären es. Das hilft, mit uns nicht ganz so streng ins Gericht zu gehen, sondern an uns zu arbeiten und wenn nötig Hilfe zu organisieren

Es ist immer schwierig, den Fehler bei sich selbst zu suchen. Aber rasten wir wirklich aus, weil der Wasserbecher umfällt oder steckt mehr dahinter?

Wenn ihr euer Kind wieder einmal ungewollt angeschrien habt, können folgende Fragen helfen, den Heilungsprozess zu starten:

  • Bei welchen Verhaltensweisen meines Kindes fahre ich aus der Haut?
  • Ist das immer so? Ist hier ein Muster erkennbar?
  • Welche Gefühle ruft dieses Verhalten hervor? Wo genau liegt der Schmerz?
  • Welche (unerfüllten) Bedürfnisse liegen diesem Schmerz zugrunde?
  • Wie möchte ich in Zukunft (anders) reagieren?
  • Wass muss (s)ich ändern, damit ich das auch schaffe?

Friedvolle Eltern opfern sich keinesfalls für ihr Kind auf! Friedvolle Eltern achten auch auf sich selbst und ihre Bedürfnisse. Holen sich Hilfe, wenn sie es alleine nicht schaffen. Denn nur wer sich seinen Dämonen stellt und mit sich selbst im Reinen ist, kann auch auf die Bedürfnisse der anderen achten. 

Nachtrag: Unsere Kinder zeigen uns, dass wir stark genug sind

Kinder sind Gott sei Dank sehr verständnisvoll. Sie lieben uns bedingungslos und verzeihen extrem Vieles. Wenn wir uns bei ihnen entschuldigen und uns bemühen, es in Zukunft besser zu machen, lernen sie noch dazu eine wichtige Lektion: Auch Eltern sind nicht perfekt, Gefühlsausbrüche sind okay und Fehler dürfen sein – vorausgesetzt, man lernt daraus.  

Seit mir bewusst geworden ist, dass mir meine Tochter aus ihrer Sicht versichern muss, dass ich stark genug bin, achte ich viel mehr auf meine Wortwahl. Ich vermeide Sätze wie „Das kann ich nicht“, „Da hab ich zu wenig Kraft dafür“ oder „Das schaffe ich nicht mehr“. Und siehe da – ich fühle mich tatsächlich stärker! 

Und wie durch Zauberhand ist auch das Abgeben im Kindergarten plötzlich kein Problem mehr. Keine Tränen mehr in der früh, kein „Ich will nicht in den Kindergarten“, kein Zeitschinden beim Fertigwerden. Scheinbar bin ich jetzt sogar stark genug, sie loszulassen. Und das weiß sie.

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Bibi F.
Bibi F.
Früher waren es Kundenprojekte - nun begleite ich das tägliche Chaos mit zwei Kindern zwischen Kampfansagen und Kuschelattacken. Vom klassischen Erziehungs-Gedanken habe ich mich längst verabschiedet. Als Berufs-Bloggerin schreibe ich mir im gnadenlos ehrlichen Familienblog Erfahrungen, Einfälle und Emotionen von der Seele.

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